Mit jedem Tag hinterlässt du unzählige Spuren im Netz. Deine Spuren werden auf unbestimmte und für dich nicht einsehbare Art gespeichert. Die gespeicherten Daten können beliebig vervielfätigt, verändert und miteinander verknüpft werden. Die Folgen dessen sind nicht absehbar.

In deiner Tasche trägst du eine besonders datenintensive App mit dir: WhatsApp.
Die Nutzung dieses Messengers ist umstritten. In ihrem Zusammenhang fallen Begriffe wie Willenssteuerung, Fremdkontrolle, Überwachung und Identitätsdiebstahl.

Ich habe entschieden WhatsApp aus meinem Alltag zu lösen. Was meine Hintergründe sind? Warum mir meine Daten wichtig sind? Was du für mehr Sicherheit und Freiheit tun kannst? Das erfährst du in diesem und allen folgenden Beiträgen der Reihe ‚Datenminimalismus‘.

Was ist WhatsApp?

WhatsApp bezeichnet sich selbst als eine Alternative zur SMS.

„Mit WhatsApp ist Nachrichtenaustausch und Telefonieren schnell, einfach und sicher, und zwar kostenlos, und auf Telefonen rund um die Welt verfügbar.“1https://www.whatsapp.com/

Ich kann mich noch daran erinnern, als ich als kleiner Junge mit meinen Eltern nur über die Telefonzelle sprechen konnte. Ich musste eine nicht geringe Anzahl Münzen in einen Schlitz werfen, um für wenige Minuten zu telefonieren.
WhatsApp und alle Dienste, die deine Kommunikation erleichtern, auch Messenger genannt, bieten zweifellos einen Mehrwert und gelten spätestens seit Einführung von Push-Notification von Apple im Jahr 2009 als disruptiv 2https://www.engadget.com/2008/06/09/iphone-push-notification-service-for-devs-announced/?guccounter=1.
Beinahe jeder hat seinen Messenger, Freunde, Familie und Kollegen über Ländergrenzen hinweg und 24/7 auf dem Smartphone mit dabei, Internet vorausgesetzt. Keine lästigen Telefonzellen oder Gebühren für Telefonate ins Ausland mehr. Warum dann Schluss mit WhatsApp? – Weil in meinen Augen gesellschaftliche, technische und ethische Fragestellung bei WhatsApp unbeantwortet sind.

2009 ist ebenfalls das Gründungsjahr dieser in deinem Alltag dominierenden und schnellebigen Veränderung. Seitdem hat WhatsApp stetig an Nutzern gewonnen. Heute sind es monatlich 1,6 Milliarden Nutzer 3https://www.statista.com/statistics/258749/most-popular-global-mobile-messenger-apps/.

Heutzutage zahlst du nicht mit Geld, sondern mit deinen Daten.“

Stichpunkt kostenlos: Es gab Zeiten, so um das Jahr 2012, da hat die Nutzung von WhatsApp noch etwas weniger als einen Euro gekostet. Heutzutage zahlst du nicht mehr mit Geld, sondern mit deinen Daten.
Kurz nach der Übernahme von Facebook im Jahr 2014 für 19 Milliarden US-Dollar, das sind etwa 42,22 US-Dollar pro Nutzer bei knapp 450 Millionen Anwendern 4https://www.statista.com/statistics/260819/number-of-monthly-active-whatsapp-users/, die Facebook bezahlt hat, werden deine Kotaktdaten gespeichert und mit Facebook und Drittanbietern ausgetauscht. Daraus entstehen komplexe Graphen der Interaktion zwischen dir und deinen Mitmenschen, Karten deiner Aufenthaltsorte verknüpft mit deinen Interessen, Verhaltens- und Charakteranalysen, vieles mehr und alles was im Themenfeld Data Science und im Sinne der Digitalisierung noch so möglich ist.
So kennt dich der Konzern WhatsApp Inc. aus den Vereinigten Staaten besser, als dein „Hasischatzi“ oder dein bester Freund.

Du bist Produkt, nicht Kunde

WhatsApp und Facebook bieten dir einen beachtlichen Mehrwert, stellen clevere Mitarbeiter ein, bauen gewaltige Data Center und Serverfarmen, auch Cloud genannt 5https://engineering.fb.com/data-center-engineering/2017-year-in-review-data-centers/. Sie erwirtschaften Gewinne in Milliardenhöhe und das trotz Datenskandalen, wie Cambridge Analytica und Meinungsbeeinflussung bei politischen Entscheidungen.
Wie kannst du nun davon ausgehen, dass sie ihre Dienste kostenlos anbieten? – Ich löse mich von dieser Vorstellung.

Wenn du dir die Zahlen von Facebook anschaust, ein Umsatz in Höhe von mehr als 17 Milliarden und ein Gewinn in Höhe von 6 Milliarden US-Dollar und eine Steigerung von fast 900 Millionen US-Dollar im Vergleich zum Vorjahr 6https://investor.fb.com/investor-news/press-release-details/2019/Facebook-Reports-Third-Quarter-2019-Results/default.aspx, dann wage ich zu bezweifeln, dass der angegebene Begriff ‚Advertisement‘, die Haupteinnahmequelle von Facebook, so harmlos und selbsterklärend ist, wie sie auf mich wirkt.

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Nutzer- und (Personen-)Netzwerkinformationen dem Schalten personalisierter Werbung dienen. Dabei geht das von dem Konzern erzeugte Wissen über dich, deine Freunde, Gewohnheiten und Interessen weit über das Plakat an der Litfaßsäule oder das Banner in der Suchmaschine hinaus.
Selbst wenn du die Werbung deaktivierst, deine Daten werden trotzdem verkauft. Verkauft an die zahlreichen Drittanbieter und Partner. In der WhatsApp AGB steht zum Beispiel:

Wir arbeiten mit Drittanbietern und den Facebook-Unternehmen zusammen (..). Wenn wir Informationen mit in dieser Funktion agierenden Drittanbietern und den Facebook-Unternehmen teilen, verlangen wir von ihnen, dass sie deine Informationen in unserem Auftrag gemäß unseren Anweisungen und Bedingungen verwenden.“ 7https://www.whatsapp.com/legal/?l=de#terms-of-service

Welche Anweisungen und Bedingungen das sind ist umstritten. Genauso umstritten, wie wer deine Daten in die Hände bekommt. Von Regierungen, die dich für ihre Zwecke manipulieren könnten. Von Banken, die dir die Eröffnung deines Kontos verweigern könnten. Zu Arbeitgebern, die deine Bewerbung durch die von Algorithmen analysierten Charakter-Eigenschaften ablehnen könnten.

Ein Fall, den ich häufig selber erlebe (und bewusst wahrnehme), ist die Synchronisierung meines Adressbuchs. Dadurch, dass ich die WhatsApp-Nummer einer Person hinzugefügt habe, bekam ich bei Facebook das Profil des Partners kurze Zeit darauf vorgeschlagen.
Kurioserweise werden durch die Synchronisierung deiner Kontaktliste auch Informationen der Personen weitergegeben, die weder Facebook, noch WhatsApp oder Social Media verwenden.
Da wirft sich mir die Frage auf, ob das denn nicht strafbar ist? – Ist es! Stichwort Persönlichkeitsrechtsverletzung, nach Art. 2 Abs. 1, 1 Abs. 1 Grundgesetz (GG) 8 ...weiter lesen.
Dabei geht WhatsApp dem für mein Empfinden gut aus dem Weg:

Im Einklang mit geltenden Gesetzen stellst du uns regelmäßig die Telefonnummern von WhatsApp Nutzern und anderen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung, darunter sowohl die Nummern von Nutzern unserer Dienste als auch die von deinen sonstigen Kontakten.“ 9https://www.whatsapp.com/legal/?l=de#terms-of-service

Whatsapp greift unter anderem auf das Telefonbuch und auf deinen gesamten Speicher zu: Settings > Apps > WhatsApp > Permissions

Und das geht noch viel weiter: Facebook schlägt Nutzern, die den gleichen Doktor haben, andere Patienten als Freunde vor 10https://netzpolitik.org/2016/anleitung-synchronisierte-kontakte-bei-facebook-loeschen/.
Besonders der Gesundheitsbereich kann durch die sozial-mediale Veränderung profitieren oder es irgendwann bereuen. Auf der Konferenz ‚Facebook Health Summit‘ werden gerade die Szenarien zur Nutzung von Social Media Daten in Verbindung mit Big Data Methoden erforscht 11https://www.klick.com/health/news/blog/social/facebook-health-summit/.

Mögliche Anwendungsfälle im Gesundheitsmarkt:

  • Insights über soziale Vernetzung und Aktivitäten von Patienten
  • Erkennung von Einsamkeit und Depressionen
  • Frühwarnung bei Gesundheitskatastrophen, z.B. Benachrichtigung aller Freunde in einem bestimmten Umkreis beim Fund eines tödlichen Virus

Die Motive sind aus meiner Sicht gut, aber die Zukunft nicht absehbar. Nicht absehbar, wenn du sie nicht selber gestaltest oder Impulse setzt. Weder unterstelle ich WhatsApp, noch anderen Beteiligten böses.

Ich trete durch den Austritt aus WhatsApp für meine Interessen ein:

  • Vertraulichkeit – Verhinderung eines nicht autorisierten Zugriffs auf meine Daten
  • Autorisierung – Vergabe des Rechts, auf meine Ressourcen zuzugreifen
  • Recht auf informationelle Selbstentscheidung
  • Digitale Privatsphäre
  • Datenschutz

Damit im weiteren Sinne Sicherheit und Freiheit. Ich will nicht in einem Überwachungsstaat leben.

Meine Konsequenz

  1. WhatsApp entfernen
  2. Vertrauliche Messenger nutzen, die nicht entgegen meiner Interessen agieren

Ich kommunizieren weiter mit meinen Freunden über Signal, Threema und Telegram. Das sind Messenger, die genau dasselbe wie WhatsApp bieten, keine Daten weitergeben und technisch besser sind. Eine App mehr oder weniger macht mir nichts aus, wenn ich dafür mit mehr Sicherheit und Freiheit ins Bett gehen kann. In einem weiteren Teil dieser Themenreihe widme ich mich den alternativen Messengern anschaulicher.

Es existieren nach wie vor nützliche Dienste, aber meine Gehaltsverhandlungen beginnen..“

Nichtsdestotrotz nutze ich weiterhin Facebook und Instagram, weil sie mir einen Mehrwert bieten. Selbst wenn ich über diese Plattformen privat nicht so sehr aktiv bin, verglichen mit den Messengern.

Hauptsächlich nutze ich beide Dienste dazu, um Aufmerksamkeit für meinen Blog zu schaffen. Aber kritische Meinungsbildung und etwas Datenminimalismus sehe ich nicht als verkehrt.
Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass mehr in Aufklärung und Data Literacy, also Bildung im Umgang mit Daten, getan werden sollte. Hiernach liegt die Entscheidung, welchen Weg du einschlägst bei dir. Vielleicht sind die Dienste, die dir geboten werden es wert, dass du deine sensiblen Daten mit WhatsApp und Co teilst? Schreib es in die Kommentare.

Fußnoten   [ + ]